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Eva Baier - Neue Wege des Fischaufstiegs

Im Gespräch mit einer jungen Biologin aus der Schweiz

Eva Baier ist per Zufall auf ein Problem gestoßen, das ihre berufliche Laufbahn maßgeblich prägte. Nach ihrem Studium der Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich beschäftigt sie sich nun damit, Fischen beim Aufstieg zu ihren Laichgewässern zu helfen.

Wir haben ihr 10 Fragen gestellt, die sie uns gerne bei einem Skype Interview beantwortete. 

 

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Eva Baier

1. Wie kam es zu der Idee einer eigenen Fischaufstiegsanlage?

"In Zürich habe ich beim Lernen einmal beobachtet, wie Fische verzweifelt gegen ein Wehr gesprungen sind. Daraufhin habe ich mit verschiedenen Umweltverbänden Kontakt aufgenommen, mit der Antwort, jede Art einer Fischaufstiegsanlage dort wäre zu teuer. Daraufhin machte ich mich neben meinem Studium auf die Suche nach einer günstigen Lösung und entwickelte letztendlich zusammen mit einem befreundeten Maschinenbauer eine modulare Fischtreppe. Mit dieser gewann ich kurz darauf einen Startup-Wettbewerb und erhielt eine Förderung, um unser Projekt weiter auszubauen. Mittlerweile wird solch eine Fischtreppe von einer Firma produziert, welche zur selben Zeit eine ähnliche Idee hatte und mit der es zu einer Zusammenarbeit kam."

Hier sieht man, wie wenig Platz für eine so große Höhe benötigt wird.
Hier sieht man, wie wenig Platz für eine so große Höhe benötigt wird.

2. Was ist das Besondere an der "Steffstep"?

"Die grundsätzliche Idee war die Entwicklung einer Fischtreppe für nicht kraftwerksbedingte Hindernisse. In der Schweiz gibt es neben der Wasserkraft über 100.000 künstliche Stufen, die nicht direkt mit der Wasserkraft zu tun haben. Bis zum Jahr 2090 sollen in der Schweiz in etwa 4.000 km Fließstrecke revitalisiert werden und in diesem Zuge die Hindernisse in diesen Abschnitten zurückgebaut werden. An vielen Standorten jedoch, vor allem in Städten wo wenig Platz herrscht, wird es jedoch sehr schwierig, dieses Vorhaben umzusetzen. Daher ist der Zweck der Steffstep dort einen temporären Fischaufstieg zu schaffen, bis das Querbauwerk irgendwann zurückgebaut wird. Danach kann die Anlage herausgenommen und an einer anderen Stelle wiedereingesetzt werden. Aber wie wir merkten ist unsere Anlage auch für Kleinwasserkraftwerke von Interesse, da durch die horizontale Bauweise nur eine geringe Dotation nötig ist um den Fischaufstieg zu ermöglichen."

 

3. Ist die "Steffstep" für alle Fischgrößen durchwanderbar?

"Grundsätzlich schon, die Becken können in verschiedenen Größen, je nach vorhandener Fischfauna, hergestellt werden. Die Sohle der Becken besteht aus Steinnetzen, die mit Kies gefüllt sind, so dass die Strömung minimiert wird und auch bodenorientierte Fische durch die Anlage wandern. Beim aktuellen Standort ist kein Sohlanschluss gebaut worden, da der Kolk zu tief war, aber das bräuchte man natürlich, um alle Fische durch die Anlage zu bringen."

 

4. Ist die Anlage hochwassersicher?

"Wir können noch keine Grenzwerte nennen, müssen aber immer eine Schutzvorrichtung bauen, zum Beispiel einen Rechen aus Baumstämmen. Das Wasser ist weniger das Problem, mehr das was es mitbringt (Baumstämme und sonstiges Geschwemmsel). Das Ganze muss man für jeden Standort spezifisch anschauen, dann müssen wir Grenzwerte definieren, wie etwa ein 50 oder 100-jähriges Hochwasser. Die Treppe ist hauptsächlich für kleine bis mittlere Flüsse geeignet."

 

5. Mit wie viel Wasser kommt die "Steffstep" aus?

"Das hängt vom Gewässer und den jeweiligen Fischarten ab. Die Becken an sich, welche zum Beispiel auf eine 50 cm Bachforelle ausgelegt sind, brauchen etwa 90 Liter pro Sekunde als Mindestdotation. Ab 150 L/s werden sie dann überflossen. Ideal sind etwa 90-120 L/s. Wir wollen das gerade mit der TU Dresden testen und unterschiedliche Abflusswerte modellieren."

 

6. Wie ist aktuell die Akzeptanz Deiner Fischaufstiegsanlage?

"Die Akzeptanz ist auf jeden Fall da und das Feedback gut. Das Problem sind beispielsweise in Deutschland jedoch die sehr hohen Anforderungen. Dort wird hauptsächlich mit den DWA Werken gearbeitet, die genau definieren, wie eine Anlage dimensioniert sein muss.Diese Anforderungen können wir aktuell nicht halten, somit hängt viel von der jeweiligen Bewilligungsbehörde ab. Auch deshalb arbeiten wir mit der TU Dresden zusammen um den Beweis zu erbringen, dass unsere Anlage konform ist und den Standards entspricht. Unsere Anlage ist aber trotz allem eine Sonderbauform, dessen Vorteile insbesondere an speziellen Standorten zum Tragen kommen."

 

7. Die Becken sind aus umweltfreundlichem Kunststoff gefertigt. Was können wir uns darunter vorstellen?

"In unserem Fall handelt es sich um einen Kunststoffverbund, bei dem die UV-Beschichtung integriert ist und nicht von außen aufgetragen wird. Somit gelangt nichts davon ins Wasser."

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Eine Bachforelle, die den Einstieg in die SteffStepp gefunden hat.

8. Wie lange dauert der Einbau in ein Gewässer?

"Das hängt natürlich von der Größe der Anlage und der Zugänglichkeit an den Standort ab, aber in der Regel kann die Steffstep binnen eines Tages komplett eingebaut werden. Im Vorfeld muss häufig aber noch der Boden vorbereitet werden, oft fehlen auch Pläne zu den dortigen Bauwerken. Wenn das alles jedoch erledigt ist, geht der Einbau sehr flott vonstatten, was ich als großen Vorteil bei unserer Anlage sehe. Das senkt nämlich auch deutlich den Preis."

 

9. Wo besteht Deiner Meinung nach noch am meisten Forschungsbedarf?

"Ich denke da gibt es viele Baustellen... zum einen wissen wir relativ wenig über das Wanderverhalten unserer einheimischen Fische, wie sie mit Turbulenzen umgehen und sich in der Anlage verhalten. Der Fischabstieg ist ein großes Thema, wie muss man zum Beispiel Fische leiten, damit sie, vor allem in großen Flüssen, nicht in die Turbine geraten. Aber auch beim Fischaufstieg gibt es noch viele Fragezeichen. Brauchen Fische denn tatsächlich einen Sohleanschluss? Ich habe darüber noch keine Studie finden können, die dies ausführlich untersucht hat. Auch würde ich sagen, dass vieles einfach eine Zeitfrage ist. In der Schweiz haben wir einen starken Rückgang an Arten und auch an Individuen. Wir können uns also nicht mehr viel Zeit lassen mit den Revitalisierungen und Rückbauten und müssen versuchen, viele Probleme zeitnah zu lösen, die auch häufig in Zusammenhang mit der Landwirtschaft und sonstigen Stoffeinträgen stehen."

 

10. Wovon hängt Deiner Meinung nach eine funktionstüchtige Fischaufstiegsanlage maßgeblich ab?

"Das ist alles nicht so trivial, vor allem auch der Nachweis der Funktionsfähigkeit. Sehr lange hat man immer nur geschaut wie viel oben ankommt, es ist aber genauso wichtig, wie viele (Fische) unten den Einstieg finden respektive wie viele denn wandern wollen und den Eingang eben nicht finden. Der wurde in der Vergangenheit nicht selten auf der falschen Flussseite gebaut…

In der Schweiz fehlt mir noch etwas der Austausch der Ergebnisse. Man baut viel, zählt viel aber publiziert nicht, vor allem wenn das Ergebnis unbefriedigend ist, wobei vor allem gerade das extrem wichtig ist."

Wir danken Eva für das sehr interessante und aufschlussreiche Interview. Ihre weitere Forschung könnt ihr auf dem Portal Fischwanderung verfolgen.

 

Das Interview führten unsere beiden Umwelt-Studenten Kris & Church.


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